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Magnificent Pants

Projekt: Rokoko-Kniebundhosen für Männer (um 1760)

Prolog:

Ich möchte Euch hier zeigen, wie ich für Marmotta historisch korrekte Kniebundhosen produziert habe. Die Beschreibung ist keine komplette Anleitung – die gibt es im Schnitt, der allerdings auf Englisch ist. Rückfragen dazu beantworte ich gegebenenfalls! Es geht eher darum zu dokumentieren, was ich wann wie warum gemacht habe, und ein paar Tipps zu geben. Diese richten sich auch an absolute Anfänger, daher nicht über Selbstverständliches wundern!

Schnitt: J.P. Ryan, Breeches erhältlich z. B. Bei Nehelenia: http://www.neheleniapatterns.com/ oder direkt bei J.P. Ryan: http://www.jpryan.com/gentspatterns.html

So soll alles nachher aussehen.

So soll alles nachher aussehen.

Die Hosen haben historisch korrekt einen bauchfreien Sitz und eine sehr beutelige Rückpartie. Für den Mann des 21. Jahrhunderts ausgesprochen gewöhnungsbedürftig, aber eben der Mode des 18. Jh. entsprechend. Der Sitz an den Beinen und Knien ist eher eng.

Der Schnitt enthält auch eine dementsprechende Warnung ;-). Außerdem wird für diesen Schnitt Näherfahrung vorausgesetzt und es wird darauf hingewiesen, dass diese Hosen zeitraubend sind. Beidem kann ich nur zustimmen. Aber dafür macht’s Spaß und das Ergebnis ist eine Hose, die mit ihren modernen Nachfahren nur entfernt Ähnlichkeit hat!

Material:

Schwarzer Köperstoff aus Neuwolle/Schurwolle (3 m), sehr dünnes weißes Leinen (2m, altes Bettlaken, aber dünner als üblich!), Schwarzer, dünner, aber fester Baumwollstoff, schwarzes Köperband (Baumwolle), 15 Metallknöpfe, zwei Schnallen aus Messing. Außerdem zwei alte Bettbezüge für den Probeschnitt.

Der Wollköper stammt von Mahler-Stoffe, einem Stoffladen in Hamburg ohne den wir hier oben im Norden verloren wären 🙂 http://www.mahlerstoffe.de/ Da kann man zwar nichts online bestellen, aber ich habe die 3-4 Stunden Fahrt hin und zurück noch nie bereut.

Mit dem dünnen Leinen habe ich die Hosenbeine und die Rückseiten der Taschen gefüttert. Ich habe dazu einfach das Leinen mit Zickzackstich an den Stoff getackert. Das hat drei Vorteile:

  1. Der Stoff fusselt nicht so (und dieser Stoff war ein übler Fussler)
  2. Der Wollstoff berührt nicht die Haut. Das wollte ich nämlich weder Marmotta noch mir zumuten. Dadurch wird die Hose vielleicht noch etwas wärmer, aber dafür juckt’s nicht…
  3. Köper ist extrem dehnbar, fast wie Jersey. Dieser hier ganz besonders. Und das will man weder beim Nähen noch für die fertige Hose.

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Der hintere Teil eines Hosenbeins mit Futter.

Teil 1: Vorschnitt.

Es ist absolut, unbedingt notwendig, wie in der Anleitung vorgeschlagen, einen Probeschnitt zu machen, notfalls auch einen zweiten. Wir hatten uns bei Marmotta ein wenig vermessen, und außerdem ist er zwar überdurchschnittlich groß, hat aber im Verhältnis kurze Beine und vor allem kurze Oberschenkel. Diese Hosen sind keine Jeans und gleichen sowas nicht aus, im Gegenteil – da muss alles so gut wie möglich sitzen. Die beiden nötigen Vorschnitte habe ich aus alten weißen Bettbezügen gemacht. Alte Bettbezüge bekommt man für ein paar Cent oder 1-2 Euro in jedem Verschenkmarkt oder Diakonieladen und selbst auf ebay sind sie billig -. und da stecken vier Meter Stoff drin. Billiger kann man Probestücke nicht machen.

Nachdem ich nach der zweiten Runde zufrieden war, konnte ich dann auch den teuren Stoff anschneiden. Die Probestücke habe ich nur von Hand zusammengereiht.

Teil 2) Die Uhrentasche

Der Schnitt sieht eine Uhrentasche vor. Die befindet sich im Hosenbund und ist für die Taschenuhr gedacht. Dieses kleine Ding hat mir und Heraldia einen Abend Kopfzerbrechen beschert. Sicherlich ist so etwas für einen Herrenschneider oder jemand mit einer Schneiderausbildung nicht so schwer, aber wir hatten keine Ahnung, wie man so etwas macht, und die Beschreibung war sowohl etwas vage als auch etwas irreführend. Wichtig ist, dass man ein paar Punkte beachtet: Die ganze Uhrentasche wird auf der rechten Seite des Bundes gearbeitet, und der Beutel für die Tasche wird erst zugenäht, wenn die Tasche samt Riegel schon am Bund hängt. Danach wird das ganze nämlich nach innen gestülpt, und schon sind alle Nähte verschwunden. Außerdem soll die Tasche nach oben offen sein, ein Umstand, der im schnitt nicht so direkt erwähnt wird… Die Nähte werden außerdem gemacht, bevor man die Tasche aufschneidet.

Bei der Uhrentasche hat es wirklich geholfen sich ein Probestück zu machen und damit solange zu probieren, bis alles stimmte.

Diese kleine Tasche war das heimtückischste an der ganzen Hose!

20150815_213019Hier habe ich den Riegel augfgesteckt. Das untere Ende ist nicht gesäumt, und wird von rechts mit an den Bund gesteppt. Die bereits genähten Ecken sollten dabei zur oberen Kante des Hosenbundes zeigen.

 

 

 

20150815_213947Dann wird der Lappen aufgenäht, der nachher die Tasche wird. Das nach unten zeigende Stück ist ein winziges bisschen länger… Und aufpassen, dass man den Riegel nicht festnäht.

Dann wird die Tasche aufgeschnitten und alles nach innen gestülpt. Der Riegel wird mit ein paar Stichen per Hand an der Außenseite festgenäht, und innen wird der Taschenbeutel zugenäht. Verwirrend? Ausprobieren, erst dann macht es Sinn…

20150815_213059und alles passiert auf der rechten Seite des Stoffes :-)))

 

 

 

 

Teil 3) Das große Zusammensetzen

Hier ist es vor allem wichtige, dass man die Reihenfolge, die im Schnitt angegeben ist, nicht allzusehr vernachlässigt. Viele kleine Teile müssen zuerst zusammengesetzt werden, bevor man sie weiterverwenden kann. Manche davon sehen aus, als wären sie aus einem Raumschiff gefallen, aber am Ende macht trotzdem alles Sinn! Hier nur ein paar Tipps:

Viele Teile müssen gefüttert, bzw. zweimal/viermal zugeschnitten werden. Hier habe ich für die Rückseiten den Schwarzen Baumwollstoff genommen, für die Stabilität und den Tragekomfort.

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Hier zum Beispiel der Einsatz für die Frontklappe, und rechts die beiden Riegel die hinter der Frontklappe die Hose Halten (so wie bei einer Zimmermannshose). Rechts kann man die Seite der Frontklappe sehen, die mit schwarzer Baumwolle unterlegt ist.

Die Ränder der Tasche z. B. werden per Hand genäht, damit es nicht nach Maschine aussieht:

20150816_220708Die Innenseite der Hose besteht übrigens nachher zum Teil aus dem oberen Abschnitt des Taschenbeutels. Die Spitze links im Bild gehört zum vorderen Hosenbein und wird über der Taschenöffnung am Bund festgeknöpft.

 

 

 

20150817_105008Hier sieht man die Frontklappe mit angestecktem Futter. Die Zipfel an der Seite sind eigene kleine teile, die an die Frontklappe angenäht werden. Im Frontklappenfutter sind die schon mit drin.

 

 

 

20150817_145051Tada! Eine Hose.

Noch fehlen die Kniebänder und die Knöpfe. Die Knöpfe müssen am lebenden Objekt abgesteckt werden, damit nichts Falten zieht. Dazu später mehr. Die Kniebänder habe ich ebenfalls halb aus dem Köper und halb aus fester schwarzer Baumwolle gemacht. Die ganzen Belege Werden am Ende innen per Hand umgenäht.

 

20150822_175156Darüber, wie man die Schnallen befestigt schweigt der Schnitt sich aus. Aber es bleibt an der Seite, wo die Schnalle sitzen muss ein kleiner Fortsatz vom Knieband übrig. Diesen zieht man durch die Schnalle. Dann sticht man den Dorn der Schnalle durch den Stoff und näht das Ende der so entstandenen Schlinge fest. Dann macht man die Knöpfe und Knopflöcher, aber zu dem Thema später mehr.

 

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Am Schluss habe ich schwarzes Köperband aus Baumwolle per Hand über die flachgebügelten Nähte genäht, und zwar aus zwei Gründen: 1) sieht schöner aus als Stoff, der mit Zickzackstich versäubert wurde, und 2) an den Nähten kommt ja die Wolle auf der Innenseite an, und damit auch garantiert nichts kratzt… Köperband.

Ohne Köperband geht bei uns beim Nähen sowieso nichts… Es gibt das Zeug günstig auf der 50-Meterrolle (Breite1,5 cm) bei ebay, und wir verbrauchen davon 1-2 Stück pro Jahr in weiß, und eine in schwarz…

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Bilder von der fertigen Hose gibt’s, wenn Marmotta aus dem Urlaub zurück ist!

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